In der osteopathischen Arbeit kennen wir es, dass körperliche Symptome manchmal bei der Patient:in Emotionen erzeugen, wenn man manuell arbeitet. Und viele Patienten kennen auch, dass Reaktionen im täglichen Leben – oft Wut, manchmal Angst oder Trauer – spürbar heftiger ausfallen, als die eigentliche Situation es „verdient“ hätte.
Oftmals sind körperliche Symptome und Emotionen durch im früheren Leben erlebte Ereignisse assoziiert, also miteinander verbunden. Daher können manche körperlichen Probleme nicht gelöst werden, solange die Psyche die Erfahrung festhält. Und psychische Probleme können nicht losgelassen werden, solange die Spannungen im Gewebe hängen.
Dass man körperliche Spannungen osteopathisch behandelt, ist heutzutage ja normal, aber kann man auch Emotionen osteopathisch behandeln?
Um das zu beantworten, müssen wir einen Blick auf zwei Begriffe werfen, die im Alltag oft synonym verwendet werden, aber Unterschiedliches meinen: „Emotion“ und „Gefühl“.
Emotion und Gefühl – zwei verschiedene Vorgänge
„Emotionen“ sind zunächst rein körperliche, automatische Reaktionen. Sie laufen in Sekundenbruchteilen ab, lange bevor bewusstes Denken einsetzt, und sind evolutionär sehr alt. Eine Emotion zeigt sich in messbaren körperlichen Veränderungen: Herzfrequenz, Atmung, Muskeltonus, Hormonausschüttung, Mimik – all das verändert sich, ohne dass wir es steuern.
„Gefühle“ entstehen erst danach, als bewusste, kognitive Verarbeitung dieser körperlichen Reaktion. Wir nehmen wahr, was in uns vorgeht, benennen es sprachlich, bewerten es und setzen es in Bezug zu unserer persönlichen Geschichte, unseren Erfahrungen und Überzeugungen. Zwei Menschen können dieselbe Emotion erleben und sie völlig unterschiedlich als Gefühl verarbeiten – abhängig davon, was sie gelernt und erlebt haben.
Beispiel: Wut
Die „Emotion Wut“ läuft körperlich ab wie ein automatisches Programm: Adrenalin und Noradrenalin werden ausgeschüttet, der Puls steigt, die Muskulatur spannt sich an – besonders auffällig im Kiefer, in den Händen und im Gesicht –, die Atmung wird schneller und flacher, der Blick verengt sich. Das alles geschieht, bevor wir überhaupt „wütend“ sagen könnten.
Das „Gefühl Wut“ ist die bewusste Deutung dieser körperlichen Erregung: „Das ist ungerecht“, „Das hätte nicht passieren dürfen“, „Ich werde übergangen.“ Diese Bewertung ist geprägt von individuellen Erfahrungen, oft auch von sehr frühen, unbewussten Mustern.
Wenn diese Bewertungsebene mit alten, ungelösten Erfahrungen „aufgeladen“ ist, kann die Reaktion in keinem Verhältnis mehr zum aktuellen Anlass stehen. Ein kleiner Auslöser reicht dann, um eine große, oft überraschend intensive und lang anhaltende Wutreaktion auszulösen. Das Nervensystem reagiert dann nicht auf die gegenwärtige Situation, sondern auf ein gespeichertes, altes Muster – der Körper „erinnert“ sich, ohne dass es dem Bewusstsein zugänglich wäre.
Der Ansatz der psychosomatischen Osteopathie
Genau an der Schnittstelle zwischen Körper und emotionalem Erleben setzt die psychosomatische Osteopathie an. Also nicht am „Gefühl“, dass man beim Psychologen beschreiben würde. Der Grundgedanke: Emotionale Reaktionsmuster sind nicht nur „im Kopf“, sondern im Gewebe, in der Muskulatur und im Nervensystem gespeichert – besonders deutlich in der mimischen Muskulatur, die neurologisch eng mit den emotionalen Zentren des Gehirns verknüpft ist. Ein Gesichtsausdruck ist nicht nur Ausdruck eines Gefühls, sondern wirkt über Rückkopplungsschleifen auch auf das emotionale Erleben selbst zurück.
In der Behandlung wird deshalb nicht nur gesprochen, sondern gezielt und gleichzeitig auf mehreren Ebenen gearbeitet, z.B.:
– „Augenbewegungen“ – das visuelle System ist eng mit dem limbischen System vernetzt und kann gezielt eingesetzt werden, um festgefahrene neuronale Muster zu lösen.
– „Atmung“ – jedes emotionale Muster geht mit einem bestimmten Atemmuster einher. Über eine bewusst begleitete Veränderung der Atmung lässt sich das vegetative Nervensystem beeinflussen und beruhigen.
– „Töne und Laute“ – Stimme und Vibration wirken über den Vagusnerv direkt regulierend auf das Nervensystem und schaffen einen zusätzlichen Zugang zu gespeicherten Spannungen.
– „Osteopathische Behandlung der mimischen Muskulatur“ – durch sanfte manuelle Techniken werden gehaltene Spannungsmuster im Gesicht aufgespürt und gelöst, die oft seit Jahren mit einer bestimmten emotionalen Reaktion „verknüpft“ sind.
Die Kombination dieser vier Elemente – Augenbewegung, Atmung, Ton und manuelle Behandlung – zielt darauf ab, das Nervensystem in einem geschützten Rahmen anzusprechen und alte, überschießende Reaktionsmuster Schritt für Schritt neu zu ordnen. Es geht dabei nicht darum, eine Emotion wie Wut zu unterdrücken oder „wegzumachen“ – Wut ist eine sinnvolle, wichtige Reaktion. Ziel ist vielmehr, dass die Reaktion wieder zum jeweiligen Anlass passt: angemessen in Intensität und Dauer, statt von alten, unbewussten Mustern bestimmt zu sein. Und gelöst von alten physischen „Prägungen“, die im früheren Leben gleichzeitig wie die überschiessende Emotion entstanden sind.
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*Dieser Text dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle Diagnostik oder ärztliche Beratung. Bei akuten psychischen Belastungen oder bestehenden Erkrankungen empfehle ich, dies vorab ärztlich abklären zu lassen.*

